Besuch im Stuttgarter Stadtarchiv
Am Donnerstag, 8. September, gab es für die Lätitia Stuttgart eine Sonderführung durch das neu eingerichtete Stuttgarter Stadtarchiv in Bad Cannstatt, wobei sich 14 Archiv-Interessierte die umfang-reichen Räumlichkeiten zeigen ließen. Der Chef des Hauses, Herr Dr. Roland Müller hieß uns herzlich willkommen. In seinem kurzen Rückblick erwähnte er, wie wichtig dieser Umzug war, da das Archiv vorher in verschiedenen Gebäuden untergebracht war u.A. auch in der ehemaligen Mörike-Bücherei in der Silberburgstraße. Er nannte diesen Umzug einen großen Sprung nach vorne, so dass das umfangreiche Material auch bestens verwaltet, versorgt und repräsentiert werden kann.
Die Führung selbst übernahm Mitarbeiterin Frau Katharina Ernst, die uns zunächst im Hof den Gebäudekomplex erklärte. Der Hauptbau des Komplexes, das ehemalige Kontor und Lagergebäude wurde 1921 für den Großeinkaufsverein der Kolonialwarenhändler Württemberg (später EDEKA) errichtet und ist heute – insbesondere aus baugeschichtlichen und bautypischen Gründen – als Kulturdenkmal eingestuft. In den neueren beiden Anbauten aus den Jahren 1937 und 1953 befinden sich das Magazin und die Depots. Das ganze Areal befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs in Stuttgart-Bad Cannstatt. Auffallend bei den neueren Gebäude waren die Fenster, die gar keine Fenster sind. Da Papier bekanntlich unter bestimmten Lichteinwirkungen leidet, sind die „falschen“ Fenster zugemauert und man sieht nur die Attrappen. Im Inneren des Hauptgebäudes blieben die ehemalige Bahnladerampe des Kontors mit Tor und Schienen erhalten, sie bilden einen Teil des zweigeschossigen Lesesaals. Als eine Art historisches Zitat wurden die Gleise im Innern optisch fortgeführt und mit abgeschlossenen Arbeitszellen für Archivnutzer bestückt, die auf den Betrachter wie Waggons auf Schienen wirken. Diese Überbleibsel der historischen Nutzung verleihen dem heutigen großen Lesesaal eine ganz besondere Atmosphäre. In dem neuen Lesesaal erhalten interessierte Bürgerinnen und Bürger als Nutzer Zugang zu den im Stadtarchiv verwalteten Dokumenten und Unterlagen. Der Lesesaal bietet insgesamt 33 Arbeitsplätze, darunter vier Rechercheplätze, die mit Computer ausgestattet sind, und drei Mikrofilmplätze. Eine Etage höher kamen wir in die Freihandbibliothek. Sie beherbergt den größten frei zugänglichen Bücherbestand zur Stuttgarter Stadtgeschichte und umfasst rund 2.000 Bände stadtgeschichtlicher Literatur. So im Vorbeigehen wurden wir in den Arbeitsraum eines Restaurateurs geleitet, der uns über seine Arbeit als Dokumentenerhalter erzählte. Anschließend unterrichtete uns Frau Ernst über die klimatischen Schwierigkeiten eines Archivs. Die in einem Archiv geschützten originalen Dokumenten und Unikate bestehen zumeist aus Papier, Stoff oder Leder. Diese Materialien sind gegenüber Temperatur-schwankungen und Feuchtigkeit besonders empfindlich und können auch dadurch zerstört werden. Da mit dem Wetter die Außentemperaturen in unseren Breitengraden öfters schwanken, muss die Technik in der Lage sein, diese Schwankungen sofort auszugleichen und ganzjährig stets eine stabile Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu gewährleisten. So wurde eine gasbetriebene Absorptionswärme-pumpe in Kombination mit einem geschlossenen betonierten Wasserbehälter installiert. Fordert der Heizmodus der Anlage Wärme an, dann wird diese dem Wasserspeicher entzogen, so dass das Wasser komplett durchfriert und zu Eis wird. Die so gespeicherte Kälte dient dann wiederum – wenn nötig – der Kühlung des Gebäudes. Aus Sicherheitsgründen durften deshalb in den Gebäuden keine Wasserleitungen installiert werden.
Überwältigend waren die Unzahl und Vielfältigkeiten der Dokumente und Unikate, die hier im Magazin und den Depots untergebracht sind. Alles fein säuberlich geordnet und deklariert nach Stadtgebieten, Vororten und anderen Städten aus der näheren Umgebung. Auch eine Sammlung von seltenen und wertvollen Gemälden ist hier untergebracht. Abschließend durften wir noch Einblick nehmen in alten Dokumenten von früheren Vereinen und Verbänden, ihre Statuten, Zusammenschlüssen oder Auflösungen. Alles in Allem war es eine hochinteressante Führung durch das neue Domizil des Stuttgarter Stadtarchiv. Erster Gildevorstand Roland Fröhlich bedankte sich bei Frau Katharina Ernst für ihre umfangreichen und kenntnisreichen Ausführungen mit einem Geschenk. L.L.
(Für den Bericht wurden auch Passagen aus der Amtsblatt-Beilage übernommen) Foto: Karl Kästle
